Reportage

Karawane der Masochisten

Dreihundert Kilometer zu Fuss durch die Wüste. Rapport einer Gruppenreise von Leuten, die Gruppenreisen hassen.

28. September 2022

«Scheiss Wind, scheiss Sand, Dreckskälte. Das ist doch alles beschissen» sagt Paul, dreht den glühenden Tabak aus seiner Zigarette und verstaut den Filter in der Zigarettenschachtel. Paul, ich und alle anderen im Expeditionsteam haben drei Tage Sandsturm hinter uns. Wir haben uns gerade nach einer eiskalten Nacht aus unseren Zelten gekämpft und warten darauf, dass die Sonne aufgeht und die Wüste und unsere Körper wärmt.

So viel wir alle fluchen, war es genau das, was wir wollten: 12 Tage durch die marokkanische Wüste, über 200 Kilometer zu Fuss. Eine Langwanderung entlang alter Karawanenrouten in einer extremen Umgebung, die keine Fehler verzeiht. Einen schweren Rucksack auf den Schultern. Die Sonne, die gnadenlos auf den Kopf brennt. Die Stiefel, die im weichen Sand bis über die Knöchel einsinken und jeden Schritt zum Kraftakt machen. Und die alles überschattende Frage: Warum tun wir uns das an?

Knöcheltief sinken unsere Stiefel im Sand ein, wenn wir Dünenkämme erklimmen. Etappenziel ist die höchste Düne im Erg, dem Sandfeld.

«Wenn ihr Hunger habt, bitte nicht den Fahrer essen. Wir haben nur den einen!» brüllt Torsten durch den Bus und erntet brüllendes Gelächter. Ich werde mir sofort wieder bewusst, weshalb ich Gruppenreisen hasse. So können zwölf Tage in der Wüste können zur Ewigkeit werden. In den Wochen vor der Abreise nach Marrakech hatte ich wegen dieser Abneigung immer wieder mit mir selbst gehadert, meine Vorbereitungen herausgeschoben und mich gesträubt, die Expedition anzutreten. Bis zu dem Moment, an dem ich mir vorgenommen hatte, die ganze Reise aus journalistischer Perspektive zu betrachten und es als Chance zu sehen, aus meiner Komfortzone der Soloreisen rauszukommen.

Torsten blickt mich erwartungsvoll an, ich gebe ihm ein freundliches Schmunzeln für seinen Schenkelklopfer und widme mich wieder meinen Gedanken: Ich hoffe, dass die Lauferei und Lagerarbeit uns derart auslaugen werden, dass niemand mehr Lust auf flache Witze hat.

Die Dromedare warten am frühen Morgen darauf, beladen zu werden.

Alles in allem sind wir 13 Leute. Sieben Deutsche, drei Marokkaner, zwei Schweizer und eine Estnin. Der Altersdurchschnitt ist höher als ich erwartet hätte und liegt etwa bei 35 Jahren. Das untere Ende des Spektrums markieren Hassan und Aaddi, 25 und 21, oben schliessen Micha und seine Partnerin Marion die Klammer, beide Mitte 40. Wir hatten am Vorabend die Aufgaben verteilt: In rotierenden Zweierteams werden sich alle um das Lager kümmern und der Küche, nämlich Hassan und Aaddi, zuarbeiten.

Sand und Blasen

In den ersten Tagen etabliert sich der neue Alltag. Wir stehen früh auf, mit dem Sonnenaufgang, essen Frühstück. Wenn in Zelten geschlafen wurde, werden die Zelte abgebaut. Parallel spült der Lagerdienst Teller und Küchenmaterial. Dann laufen wir los, solange es noch kühl ist. Die Distanzen, die wir zurücklegen, betragen zwischen 15 und 22 Kilometer am Tag. Wir marschieren sie in vier bis sechs Stunden, meistens mit zwei längeren Pausen und mehreren kurzen Stopps unter vereinzelten Bäumen. Unterwegs überholen uns normalerweise die Dromedare, geführt von Hassan und Aaddi, die weniger und kürzere Pausen einlegen. So sind sie, wenn wir das Tagesziel erreichen, meistens schon da und haben die Tiere von den Sätteln und Taschen befreit. Die Nachmittage sind für die Arbeit im Camp und Entspannung vorgesehen.

Weil für die meisten im Team eine Wanderung automatisch 20-30 Kilometer mit Gepäck im Hochgebirge bedeutet, stellen die ersten Tage für niemanden eine wirkliche Herausforderung dar. So bleibt umso mehr Zeit, sich gegenseitig zu beschnuppern – oder um anzuecken. Zum Beispiel fläzen sich Micha und Marion, kaum im Lager angekommen, direkt auf den grossen Teppich, der das Zentrum des Camps markiert und versinken für den Rest des Tages hinter ihren eReadern, und ausser wenn Tee gereicht wird und gelegentlich eine Schale mit Erdnüssen herumgeht, hört man von ihnen kein Wort.

Ein neugieriges Dromedar beobachtet, wie wir uns an einem Brunnen waschen.

Konstantin und ich, Lagerdienst-Duo an Tag 2, ärgern uns ab der All-Inclusive-Mentalität, mit der die beiden sich durch das Expeditionsteam feudal verwöhnen lassen.

Die Schwierigkeit: Unsere Truppe besteht ausnahmslos aus Einzelkämpfern. Zum Beispiel Agnes, Managerin bei einem grossen, deutschen Autokonzern. Oder Liina, die als Epidemiologin bei Médecins Sans Frontièrs lange Zeit in Zentralafrika HIV studierte. Oder Amy, die nach abgeschlossenem Medizinstudium einen der wenigen und begehrten Plätze in der Expeditionsmedizin verfolgt. Oder mein Lagerdienstkumpel und Zeltpartner Konstantin, der sich als Experte für IT-Sicherheit selbständig gemacht hat und nebenbei seit Jahren ein Sci-Fi LARP-Festival organisiert. Unsere schillernden Persönlichkeiten wissen zu Beginn der Tour noch nicht, wie sie miteinander umgehen sollen. Man merkt, dass wir uns alle fremd sind.

Uns verbindet, dass wir alle weit gereist sind. Und das wir alle in unseren Reisen nach Erfahrungen suchen, die uns an unsere Grenzen bringen, sei das psychisch oder physisch.

Bis sich der Körper an das ständige Gehen gewöhnt, reagiert er mit Blasen. Obwohl alle ihre Schuhe eingelaufen haben, gibt es niemanden, dessen Füsse nicht anschwellen und neue Druckstellen von den Stiefeln bekommen. Am schlimmsten erwischt es Agnes. Eine während den ersten zwei Tagen verschwiegene Blase wird immer grösser und grösser, bis sie am dritten Tag eine handtellergrosse Fläche an ihrem Innenfuss einnimmt. Torsten und Amy, beide Ärzte, schneiden sie auf und entfernen den Hautlappen, um die Wunde austrocknen zu lassen, bis sie am nächsten Morgen verbunden wird. Notfalls könnte man Agnes auf eins der Dromedare verfrachten, um den Fuss anheilen zu lassen, aber sie will keine Sonderbehandlung. Den Rest der Expedition läuft sie auf ihrem Fleisch, was alle im Team schwer beindruckt und unsere persönlichen Weh-Wehchen relativiert.

Torsten, Liina und Agnes machen eine Zigarettenpause beim Campaufbau. Weil es weit und breit keine Bäume gibt, muss das Camp den nötigen Schutz vor Wind und Sand garantieren.

Der nächste Morgen wird anstrengend. Zuerst geht es einige Kilometer über die Lehmflächen eines ausgetrockneten Sees. Sie sind glatt wie eine Autobahn und wir kommen zügig voran. Sechs bis sieben Kilometer in der Stunde, sagt Liinas Smartwatch. Dafür gibt es keinen einzigen Baum. Erst als wir den See verlassen, finden wir den ersten Schatten, den eine verlassene Hütte auf einem Hügelkamm in den Staub wirft. Dort nehmen wir kurz die Turbane ab, um die Köpfe zu lüften. Der zweite Schatten an diesem Tag markiert unser Tagesziel. Der Baum befindet sich am Ende eines 10 Kilometer weiten Geröllfelds, einer sogenannten Hamada. Das ist von allen Wüstentypen der mit Abstand ungemütlichste zum Laufen, weil die Füsse jeden Tritt neu ausbalancieren müssen. Als wir ankommen, fallen alle wie tote Fliegen auf den Teppich, den Hassan und Aaddi gnädigerweise bereits aufgefaltet haben und schlafen wegen der Hitze und der Anstrengung sofort ein.

Sand und Wind

Später am Nachmittag zeigt sich der Grund, warum Torsten der Kopf der Gruppe ist. Geschickt schafft er trotz der Müdigkeit und Erschöpfung ein Klima, in dem sich alle wohl fühlen. Es wird UNO gespielt, Kaffee gekocht, Snacks verzehrt und Geschichten aus den unterschiedlichsten Weltregionen werden geteilt.

Während dem Abendessen zieht Wind auf. Er ist stärker als die Tage zuvor und gelegentlich bläst eine Böe etwas Sand ins Essen. Trotzdem geniessen alle die frische Luft, welche die mittlerweile fettigen Haare zerzaust.

Am nächsten Tag stehen wir unter dem letzten Baum vor dem Dünenmeer. Wir warten und hoffen, dass der Wind, der noch stärker geworden ist, irgendwann nachlässt. Der letzte Teil unserer Tagesetappe führt uns ins Herz des Sandfelds, an den Fuss der grössten Düne, wo wir unser Lager beziehen wollen. Dort erwartet uns nichts als Sand, kein Schutz vor dem Wind, kein Wasser und erst recht keinen Baum. Stunden vergehen, Konstantin und Torsten spielen Schach, einige nutzen die Gelegenheit, ihren Teint der Wüste anzupassen.

Bei jedem Dünenkamm peitscht der Wind uns den feinen Sand um die Ohren.

Am Nachmittag müssen wir los, wenn wir vor Sonnenuntergang die Düne erreichen wollen. Die Dromedare werden also beladen, die Rucksäcke geschultert und wir marschieren los. Der Wind ist so stark, dass man teilweise kaum Luft kriegt. Wir müssen uns mit dem ganzen Körper dagegenstemmen um voranzukommen und bei jedem Dünenkamm peitscht er uns unnachgiebig den feinen Sand um die Ohren. Aber da ist auch dieses Gefühl, der Grund warum wir das alle machen. Etwas neues erleben, den eigenen Geist umkehren und einfach ignorieren, wie unangenehm die Situation ist.

Als wir ankommen sind wir alle sandgestrahlt. Unsere Augen sind rot und gereizt, als hätte uns unser Abstecher nicht in die Dünen, sondern in die Haschischfelder in den Bergen geführt.

Erschöpft sitzt Paul hinter dem Wall, den wir zum Schutz vor Wind und Sand errichtet haben.

Während wir auf die Dromedare warten (ausnahmsweise waren wir mal schneller als sie), errichten wir hastig, unter Koordination des Architekten Jean-Marc, aus den Rucksäcken einen Wall und kauern uns dahinter nieder. Wir reden nicht viel, aber die müden Blicke, mit denen wir uns zur Etappe gratulieren, sagen: Das ist genau das Abenteuer, das wir gesucht haben.

Wir kauern hinter unserer Mauer, mit Sand in den Haaren und Augen, wunden Füssen, dreckigen Kleidern und dem pfeifenden Wind über uns. Selten war es so unbequem, und nie waren wir glücklicher. So fühlt sich der Moment an. Es ist ein Rauschzustand, den wir gemeinsam erleben. Wir fühlen uns unbesiegbar und von nichts von unserem Weg abzubringen.

Der Teamspirit fällt mit der Temperatur.

Drei Tage später hocken wir, mal wieder, auf einer ungeschützten Fläche und der in den letzten Tagen gewonnene Teamspirit fällt mit der Temperatur. An seine Stelle ist der Lagerkoller getreten. Normalerweise bekannt aus Gefängnissen, Notunterkünften und Kasernen, stammt er von lang anhaltender Belastung und Stress. Er hinterlässt alle im Team dünnhäutig und reizbar: Agnes nervt das ständige Klappern der «Gehhilfen» (Sie meint die Wanderstöcke, die einige mitgebracht haben). Das nervt auch mich. Mich nervt ausserdem, dass Liina teilweise förmlich an mir klebt. Wen ich womit nerve, weiss ich nicht, bin mir aber sicher, dass es vorgekommen ist.

Die Luft könnte nicht dicker sein, während wir schweigsam auf den Reis und das Gemüse warten, um endlich zu essen und uns anschliessend hinlegen zu können. Die Stimmung kippt vollends, als Micha seinen faltbaren Plastikteller zum Topf hinstreckt und heute «keine Pussy-Portion» verlangt. Ich glaube, mich verhört zu haben und schaue in die Runde und sehe die entsetzten Gesichter von Agnes, Liina, Amy und Torsten. Micha, der seinen sexistischen Spruch selber nicht bemerkt hat, versteht die Welt nicht mehr und als ihn Liina zusammenstaucht, stammelt er eine kurze Entschuldigung und verschwindet hinter seinem prall gefüllten Plastikteller.

In diesen Tagen wechseln unsere Emotionen innerhalb von Minuten. Von Euphorie zu Angst, von Selbstsicherheit zu Schwäche, von Grosszügigkeit zu Egoismus. Man merkt überrascht, wie man anders reagiert, als man von sich selbst erwartet hätte.

Sand und Bier

Alle sind froh, dass das Ende der Tour immer näher rückt. Vor uns liegen noch zwei Herausforderungen: ein Pass der uns zurück in die Fläche führt und ein letztes Dünenfeld. Wir meistern sie ohne über unsere kaputten Füsse, die Hitze oder die schweren Rucksäcke zu meckern.

Am vorletzten Abend warten Micha und Marion plötzlich mit einer Flasche Anisschnaps auf. Dass die beiden eine schwere Glasflasche quer durch die Wüste schleppen und dann auch noch teilen, lässt die negativen Gefühle des Vorabends verblassen.

Es ist, als wären wir das Gegenteil von uns selbst geworden: Wir erinnern uns gegenseitig an die lustigen Geschichten der vergangenen Tage und blicken teils etwas wehleidig auf das nahende Ende der Reise hin, nachdem sich alle in den vergangenen Stunden wünschten, es wäre bereits vorbei.

Die allerletzte Nacht verbringen wir in nochmals in den Dünen. Es sind nur noch 5km bis zu einem kleinen Dorf, dem Ende der Tour. Wir sind in Feierlaune und schicken ein Detachement mit leeren Rucksäcken los, um Alkohol und Zigaretten zu kaufen.

Wir finden eine Hotelbar und kaufen sie leer: zweimal 24 Flag Special Biere, drei Flaschen Rotwein.

Mittlerweile hat aber der Ramadan begonnen, der islamische Fastenmonat. In Marokko ist das Fasten vom König vorgeschrieben und wird durch die Polizei durchgesetzt. Es kommt vor, dass Leute im Gefängnis landen, weil sie tagsüber beim Wassertrinken erwischt werden. In einem winzigen religiösen Dorf am Ende von Marokko während des Fastenmonats den verbotenen Alkohol aufzutreiben, gestaltet sich entsprechend schwierig. Wir finden eine Hotelbar und kaufen sie leer: zweimal 24 Flag Special Biere, drei Flaschen Rotwein. Immerhin 4 Bier pro Kopf.

Der Wind ist uns heute wohlgesinnt und bläst nur sehr schwach. Wir machen daher ein grösseres Feuer als sonst und trinken, lachen und spielen. Ein spontaner Armdrückwettbewerb bietet die Möglichkeit, Druck abzulassen. Am Feuer ziehen wir Fazit über die geschaffte Reise und sind uns näher als je zuvor. Die 300 Kilometer, die wir laut Torstens Schrittzähler gemacht haben, haben uns zwar geschafft, aber wir auch sie.

Aaddi und Hassen messen sich im Armdrücken. Am letzten Abend, kurz vor dem Ziel, ist die Stimmung ausgelassen.

Nicht nur dass wir sie gemeinsam gemeistert haben, hat uns verbunden. Wichtiger war die Euphorie, die wir geteilt haben, als wir schwierige Aufgaben bewältigt haben. Und vermutlich war auch genau diese Euphorie, was wir alle gesucht haben, als wir uns zu dieser Reise trafen. So unterschiedlich unsere Charaktere sind, verbindet uns neben der Abneigung zu Gruppenreisen eben auch die Sucht nach Neuem. Die Sucht nicht stillsitzen zu können, sondern den eigenen Horizont laufend zu erweitern. Die Sucht sich zu testen.

Unausgeschlafen packen wir am nächsten Morgen ein letztes Mal unsere Sachen, schnüren die Stiefel, falten den Teppich zusammen, schultern die Rucksäcke und machen die ersten Schritte der letzten Kilometer.

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